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Existenzgründung als Heilpraktiker/in: Tipps aus erster Hand

Seminare und Bücher zum Thema »Existenzgründung« gibt es reichlich. Vermisst du darin manchmal auch Detailinformationen speziell für deine Branche? Dieser Beitrag befasst sich insbesondere mit der Existenzgründung von Heilpraktikern.

Das Thema »Existenzgründung als Heilpraktiker« war ein Themenvorschlag aus der Facebook Community. Treue Blogleser wissen, dass ich als freiberuflicher Grafikdesigner tätig bin. Getreu meinen Blogger-Grundsätzen schreibe ich nur über Themen, zu denen ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Weil ich dies im Bereich der Heilpraxis nicht von mir behaupten kann, habe ich für diesen Beitrag Verstärkung geholt. Tanja Behme ist freiberufliche Heilpraktikerin für Psychotherapie und bietet mit Kursus Autark Existenzgründerseminare speziell für Heilpraktiker/-innen für Psychotherapie an. Gemeinsam möchten wir in diesem Interview wichtige Facetten bei der Existenzgründung beleuchten.

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Hallo Tanja. Schön, dass du mit diesem Beitrag anderen Freiberuflern zur Existenzgründung hilfst. Wir legen gleich mit den Fragen los!

Frage 1: Was waren deine größten Hürden bei der Existenzgründung?

Da ich hauptsächlich Seminare zur Existenzgründung für meine Kollegen anbiete, lag die größte Hürde im „Sichtbar werden“!

  • Wie erreiche ich meine Kollegen?
  • Wo finde ich meine Kollegen?
  • Was muss ich tun, um gesehen zu werden?

Die klassischen Hürden an die jeder zuerst denkt, wie Ämter und Behörden, sind einmalige Hürden, die man nehmen MUSS. Da führt kein Weg dran vorbei. Jeder ist anders gestrickt und dementsprechend ist die Schwelle der Herausforderung auch bei jedem anders angesiedelt.

Da ich ja auch Betriebswirtin bin, habe ich keine Schwierigkeiten mit Bürokratie, Ämtern, Behörden und Steuern. Jedoch habe ich immer wieder festgestellt, dass genau diese Angelegenheiten für meine Kollegen große Herausforderungen und Fragezeichen darstellen. Deswegen möchte ich so unglaublich gerne meinen Kollegen dabei helfen eine solide Existenz zu gründen.

Frage 2: Welche Stärken sollte man als angehender Heilpraktiker mitbringen?

Stärken? Jeder hat besondere Stärken und Schwächen. Die Kunst liegt jedoch darin, diese auch zu kennen und entsprechend anzuwenden, bzw. abzuwenden.

Grundsätzlich bin ich der Meinung und Überzeugung, dass „so wie es in den Wald rein ruft, schallt es wieder zurück!“. Damit möchte ich sagen, wer besonders ängstlich in die Existenzgründung geht, wird auch stets mit seiner Angst konfrontiert und dadurch ausgebremst.

Wer zum Beispiel besonders kommunikativ ist, sollte diese Stärke auch nutzen durch Social-Media, Vernetzungen, direkte Telefonate etc.

Wer beispielsweise seine Schwäche darin hat, ein kleiner liebevoller Chaot zu sein, der solle sich vielleicht entsprechende Hilfe zum Beispiel bei der Buchführung holen.

Deswegen meine direkte Antwort auf die Frage, welche Stärken man als Heilpraktiker mitbringen solle, ist das jedem seine entsprechenden Stärken bekannt sein sollte und diese auch in den Fokus stellen.

Frage 3: Welche Marketingmaßnahmen sind für freiberufliche Heilpraktiker/-innen aus deiner Sicht besonders sinnvoll? Von welchen rätst du ab?

Oh das ist ein Thema welches wirklich tiefgründiger behandelt werden sollte. Denn es gibt für uns Heilpraktiker das Heilmittel-Werbegesetz (HWG) an das wir uns halten müssen. Somit muss jedem erst einmal bewusst sein, was wir von Gesetzeswegen her dürfen bzw. nicht dürfen.

Leider gibt es in unserer Branche viel Irrglauben. Einige meiner Kollegen sind der Meinung, man dürfe überhaupt gar nicht werben. Hier kann ich euch sagen: „DOCH!!!“ Solange es im gesetzlichen Rahmen ist. Und wenn man sich mit dem HWG mal auseinander gesetzt hat, dann wird man schnell feststellen, dass der Rahmen der Möglichkeiten immer noch sehr groß ist.

Im HWG wird eher die Art und Weise der „Werbung“ geregelt. Zum Beispiel dürfen wir als Heilpraktiker keine Heilversprechen abgeben. Oder dürfen keine Werbefotos von uns im weißen Kittel machen. Nur um mal plakativ zwei Beispiele zu nennen.

Jedoch wird im HWG nicht geregelt WIE man wirbt. Das heißt also, wir dürfen ins Fernsehen, Zeitung, Flyer, etc. Halt alles machen wie jeder andere auch. Der Unterschied liegt halt darin, das WAS (wir aussagen) wird geregelt aber nicht das WIE!

Selbstverständlich müssen wir uns auch an das Gesetz des unlauteren Wettbewerbs (UWG) halten. Aber das gilt ja für jeden. Sinnvoll ist jede Art der Werbung die das Unternehmenskonzept unterstützt. Und ich rate jedem davon ab, gegen das HWG zu verstoßen

Frage 4: Wie viel Startkapital sollte man einkalkulieren? Was sind die größten Investitionen?

Also da kann ich nun wirklich keine direkte Aussage treffen. Jeder Heilpraktiker ob „groß“ oder „klein“ hat andere Therapiewerkzeuge. Jedes einzelne Therapiewerkzeug bedarf anderer Gerätschaften, wenn überhaupt.

Wer mit Hypnose arbeitet, braucht lediglich eine Couch bzw. einen bequemen Stuhl. Wer jedoch mit der Quantentechnik arbeitet, bedarf alleine schon für das Gerät schon mehrere tausend Euro.

Tja das liebe Startkapital. Jede Praxisgründung hat sein eigenes Konzept. Anhand dessen wird sich herausstellen wieviel Startkapital benötigt wird. Ich habe aber schon festgestellt, dass Heilpraktiker für Psychotherapie viel weniger Startkapital benötigen als die Heilpraktiker.

Mein allergrößter Rat an alle meine Kollegen und Seminarteilnehmer ist das Erstellen eines Businessplanes. Auch wenn keiner benötigt wird für Banken oder Behörden, sollte JEDER, wirklich Jeder so einen Businessplan einmal erstellen.

In meinem Seminar behandeln wir dieses unglaublich wichtige Thema ausführlich. Es soll mal reingeschnuppert werden, was es bedeutet sich mit seinem Business mal zu beschäftigen. Es dürfen erste Träumereien, Ideen und Wünsche bezüglich der zukünftigen Praxis ausgesprochen werden. Der AHA-Effekt kommt dann wenn man mal das erste Feedback bekommt, oder alle Fragen bezüglich eines Businessplanes mal beantwortet werden müssen. Bislang sind bei allen große Lücken aufgetaucht, die immens zu Buche geschlagen hätten, wenn man keinen Businessplan erstellt hätte.

Das Startkapital sollte anhand seines Businessplanes ermittelt werden und die größten Investitionen werden durch diverse Kalkulationen sichtbar.

Frage 5: Gibt es Bücher du den Lesern mit gutem Gewissen empfehlen kannst?

Die Bücher die ich gelesen habe, waren schulische Fachliteratur während meinen Ausbildungen zum Heilpraktiker bzw. zum Betriebswirt. Empfehlen kann man das natürlich nicht. Und die Bücher die mir unter gekommen sind, und die diese Thema behandeln, sind so umfassend, dass hier sehr wahrscheinlich mehr Verwirrung aufkommt, als Lösungen.

Jede Existenzgründung / Praxiseröffnung ist so individuell wie der Therapeut selbst. Es ist sehr schwierig hier Literatur zu finden, die auf einen zugeschnitten ist. Ich habe jedoch festgestellt, dass der direkte Austausch unter Kollegen unwahrscheinlich weiter hilft. Seien es diverse Foren oder Stammtische. Auch auf Facebook gibt es super Gruppen. Direkte Fragen stellen, direkte Antworten bekommen. Die Individualität einer jeden Existenzgründung bedarf auch eine individuelle Herangehensweise.

Wenn ich überlege, dass ich ein 70 Seitiges DIN A4 Handout in meinem Seminar verteile, und ich wirklich jedes Thema aufgreife, gibt es immer noch massig Fragen. Jedoch sind diese Fragen immer spezielle Fragen. Also stets Fragen wo es um die eigene Praxiseröffnung geht. Um die eigene Vision. Hier wird kein Buch der Welt weiterhelfen können.

Frage 6: Welche Aspekte liebst du an deiner freiberuflichen Tätigkeit?

Hehe, schöne Frage. Die Frage ist schon die Antwort. Ich liebe es in meinem Beruf frei sein zu können. 

Frage 7: Die Methoden der Heilpraktikerbehandlung werden in Deutschland kontrovers diskutiert. Resultieren daraus Handicaps bei der Existenzgründung im Vergleich zu anderen Berufen?

Ja und Nein. Also grundsätzlich habe ich festgestellt, dass die Gedanken der Menschen über alternative Heilmethoden sich ändern. Es wird nicht immer gleich mit der Hand abgewunken und alles als „Humbug“ hingestellt. Die Menschen werden offener. Dies macht es uns natürlich einfacher einen Fuß in den Markt zu bekommen.

Selbstverständlich stößt man an Meinungen die kritisch, wenn nicht negativ sind. Aber diese Menschen werden eh nicht unsere Klienten. Da sollte man seine Energie nicht dran vergeuden.

Die Schwierigkeit sich am Markt zu platzieren liegt im sichtbar werden. Wie werden meine zukünftigen Klienten auf mich aufmerksam? Das Handicap, um bei diesem Wort zu bleiben, ist das überwiegend unsere Leistungen vom Klienten aus privater Tasche bezahlt werden müssen. Die Krankenkassen haben ihre Gedankenmuster bezüglich der alternativen Heilmethoden noch nicht ganz geändert. Wobei ich sagen muss, es hat sich schon sehr viel getan in dieser Hinsicht, leider noch nicht genug aus der Sicht eines Heilpraktikers.

Frage 8: Worauf achten Patienten/-innen, beim Aufsuchen eines Heilpraxis? Was muss ein/e Gründer/in mindestens bieten?

Den Klienten ist eine saubere Praxis wichtig, das Vertrauensverhältnis zum Therapeuten (eventuelle Schweigepflicht) und natürlich die Expertise. Somit sollten dies schon die absolut geringsten Mitbringsel sein um eine Praxis zu eröffnen.

Wie vorhin schon erwähnt, hat jeder Heilpraktiker seine ganz eigenen Therapiewerkzeuge. Nicht jeder Heilpraktiker arbeitet gleich. Somit ergibt sich hier die Frage nach „Angebot und Nachfrage“. Wenn ein zukünftiger Klient eine Blutegeltherapie möchte, wird er auch nur zu demjenigen gehen, der dies auch anbietet. Wer eine Hypnose zum Rauchentwöhnen machen möchte wird sich auch hier den entsprechenden Therapeuten aussuchen. Also auch hier ganz klar wieder: Als Heilpraktiker muss man sichtbar sein. Die zukünftigen Klienten müssen wissen, welches Angebot vorhanden ist.

Um wieder zur Frage zurück zu kommen: Ein Gründer braucht neben einer sauberen Praxis, mindestens ein Internetauftritt mit seinem Angebot. Und wenn dies aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, dann wenigstens eine Visitenkarte die fleißig verteilt werden sollte.

Aber dies ist wieder ein anderes Thema. Da kommen wir nämlich schon in das Marketing rein und hier bedarf es wirklich sehr guter Überlegungen und Entscheidungen.

Frage 9: Was sind die wichtigsten drei Tipps, die du Existenzgründern mit auf den Weg geben kannst?

😉 Hehe… Wie? Nur drei? Ok:

  • Als Erstes ganz klar der Businessplan
  • Als Zweites ein super Marketingplan
  • Als Drittes unglaublich viel Herzblut und Engagement.

Es ist euer Business. Liebt und lebt es. Kümmert euch darum. Vom ersten Tag an. Versucht alles, so gut es geht, selbst zu machen. Wachst an eurem Business und die damit verbunden Herausforderungen. Wenn ihr etwas nicht wisst, macht euch schlau.

Wenn ihr etwas nicht könnt, dann holt euch Hilfe. Wenn ihr etwas nicht wollt, dann lasst es. In diesem Sinne meine lieben Kollegen:

Ich wünsche euch viel Erfolg und Freude dabei. 


Ich hoffe dieses Interview hat dir geholfen und dich für deine freiberufliche Tätigkeit als Heilpraktiker/-in motiviert. Hast du selbst noch Fragen? Dann schreibe deine Frage in das Kommentarfeld. Die Community wächst ständig. Die Wahrscheinlichkeit wird mit jedem Tag größer, dass du hier jemanden findest der deine Frage beantwortet.

von Ralf
Seit Abschluss seines Designstudiums im Jahr 2009 ist Ralf erfolgreich als freiberuflicher Designer tätig. Daneben ist er Autor des Blogs freiberufler-werden.de.

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